Der Pierre de Plainpalais

Einführungstext zur Lerneinheit «Denkmäler als Interpretation von Geschichte»

Lisa Fahrni

Auf dem Genfer Plainpalais steht ein massiver Felsbrocken mit einer dezenten Inschrift: «Aux victimes du 9. Novembre 1932. Plus jamais ça. 9. Novembre 1952». Er erinnert an das blutige Ende einer Konfrontation von extremen Linken, extremen Rechten und dem Schweizer Militär.[1]

Denkmal für die Opfer des 9. November 1932, Genf. Foto von Wikimedia Commons, CC BY SA 4.0

Historischer Kontext: Die 1930er-Jahre in der Schweiz und in Europa

Die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen war in Europa und auch in der Schweiz eine Zeit der Veränderungen, der Widersprüchlichkeit und der Zerrissenheit: Zwischen Tradition und «Moderne», zwischen «roaring twenties» und Wirtschaftskrise, zwischen Rechter und Linker. Die Weltwirtschaftskrise erreichte ihr grösstes Ausmass in der Schweiz im Jahr 1932.[2] Im ohnehin angespannten politischen Umfeld verschärfte sie die Auseinandersetzungen abermals.

Zu Beginn der 1930er-Jahre hatten sich die sogenannten Fronten gebildet. Es handelte sich um verschiedene politische und ideologische Gruppierungen, verbunden durch ihr Selbstbild als «nationale Erneuerungsbewegung». Einige der Fronten radikalisierten sich und vertraten, insbesondere nach der Machtübernahme Adolf Hitlers in Deutschland, rechtsextreme und antisemitische Positionen. Die Mitgliederzahlen hielten sich zwar in Grenzen, eine gewisse Sympathie für ihre Anliegen war in der Schweiz jedoch in weiten Kreisen verbreitet.[3]

Die Schiesserei auf dem Genfer Plainpalais

Die Genfer Politik war 1932 also sehr gespalten. Die extreme Rechte «Union nationale» unter der Führungsfigur Georges Oltramare stand der extremen Linken «Parti socialiste» von Jacques Dicker und Léon Nicole gegenüber. Die Union nationale hatte angekündigt, den beiden Anführern der Parti socialiste symbolisch den Prozess zu machen. Diese wehrten sich gegen die Durchführung der Veranstaltung, jedoch erfolglos: Die Polizeidirektion des Genfer Regierungsrats bewilligte den Anlass der Union nationale. Die sozialistische Partei führte daraufhin eine – unbewilligte – Gegendemonstration durch. Der Genfer Regierungsrat war sich der aufgeladenen Stimmung bewusst und erbat Unterstützung bei der Armee. Diese sendete junge, unerfahrene Rekruten ins Genfer Quartier Plainpalais. Wie genau es zu den Schüssen der Rekruten auf die Demonstrierenden kam, ist unklar. Der Tag endete mit 13 Toten und 65 Verletzten, die meisten davon bloss Passant*innen. Die Organisatoren der Gegendemonstration wurden verurteilt, auch Leon Nicole sass eine Gefängnisstrafe ab. Seine Wählerschaft allerdings hielt zu ihm: Kaum hatte er seine Gefängnisstrafe verbüsst wurde Léon Nicole in den Regierungsrat gewählt – den schweizweit ersten Regierungsrat mit sozialistischer Mehrheit. Auf Seiten der Armee hatte die Schiesserei keine juristischen Folgen.

Das Errichten des Denkmals

50 Jahre später forderte die Genfer Linke ein Mahnmal zum Gedenken an die Opfer. Aus Angst vor erneuten Konfrontationen lehnte die Stadt Genf das Vorhaben ab. Einige Mitglieder des Holzarbeiterverbands nahmen die Sache daraufhin selbst in die Hand: Ohne Bewilligung und am helllichten Tag transportierten sie einen fünf Tonnen schweren Felsblock aus einem Steinbruch auf den Plainpalais. Ihre Zielstrebigkeit lohnte sich: Noch heute steht der Granitblock auf dem Plainpalais, ergänzt um eine Metalllaterne. Für die Genfer Linke bleibt er Treffpunkt für Versammlungen und Ort der Erinnerung.

Das Urteil von damals bleibt hingegen bestehen: Das Schweizer Parlament lehnte eine Bitte der Genfer Regierung ab, die verurteilten Gegendemonstranten zu rehabilitieren.

Stichwortregister

Dabei handelt es sich um das Recht oder die Autorität, die Bedeutung eines (historischen) Ereignisses zu definieren. Kontrovers sind beispielsweise die Meinungen dazu, welche historischen Ereignisse für die Schweiz besonders prägend waren und speziell erinnert werden sollten: Die auf 1291 datierte Gründung der alten Eidgenossenschaft, die Bundesstaatsgründung 1848 oder doch die Schlacht am Morgarten 1315?[4]

Erstmals trat der Faschismus als politische Bewegung in Italien unter dem späteren Diktator Benito Mussolini auf. Als klassische faschistische Regime gelten Italien unter Mussolini und das nationalsozialistische Deutschland. Über die inhaltliche Definition und die Ideologie von Faschismus besteht keine Einigkeit. Ihm werden jedoch oft Elemente wie Autoritarismus, Gewalt, Antidemokratie und ein starker Führerkult zugeschrieben.[5]

Die Frontenbewegung war eine aus zahlreichen Gruppen bestehende Strömung, die sich in der Zwischenkriegszeit in der Schweiz entwickelte. Die meisten vertraten nationalistische, antikommunistische und antisemitische Positionen. Die Fronten blieben zwar grösstenteils am Rande der Politik, teilweise gelangen ihnen jedoch politische Erfolge, wie etwa einen Wähleranteil von 27% bei der Schaffhauser Ständeratswahl 1933. Einige der Fronten radikalisierten sich zunehmend, so etwa die Genfer «Union nationale», die Verbindungen zu Benito Mussolini unterhielt.[6]

Arbeitete als Journalist und Autor, publizierte teilweise antisemitische Texte. Oltramare war Mitglied und später Leiter der frontistischen «Union nationale» in Genf, wo er auch einen Sitz im Grossrat innehatte. Wegen seiner Tätigkeit für das Besatzungsregime in Paris wurde er nach dem Zweiten Weltkrieg wegen Vergehen gegen die Unabhängigkeit der Schweiz zu einer Freiheitsstrafe verurteilt.[7]

War ein Schweizer Politiker und eine Führungsfigur der Sozialdemokratie. Nicole sass von 1919-1941 und 1947-1953 im Nationalrat. Er wurde 1939 aus der SP ausgeschlossen, da er den Hitler-Stalin-Pakt begrüsst hatte. Daraufhin gründete Nicole die «Fédération socialiste suisse». Mehrmals wurde er im Zusammenhang mit seinen politischen Aktivitäten inhaftiert, so beispielsweise für seine Rolle im Vorfeld der Genfer Unruhen 1932.[8]

Der Sozialismus ist eine politische Strömung, die insbesondere mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert eine grosse Anhängerschaft fand, die sich gegen die schlechten Arbeitsbedingungen und die Ungleichheit wehren wollte. In Russland beispielsweise kam es 1917 tatsächlich zu einem sozialistischen Umsturz. Allerdings entwickelte sich in dem Staat eine Gewaltherrschaft und die sozialistische Gesellschaftsordnung scheiterte schlussendlich. Das Ziel des Sozialismus ist eine Veränderung der kapitalistischen Wirtschaftsordnung hin zu mehr Gleichheit und Solidarität für alle Menschen.[9]

  1. Basierend auf Jan, Fabienne. «Denkmal für die Opfer vom 9. November 1932 (GE): ‚Nie wieder‘. Erinnert an … die Opfer der Schiesserei vom 9. November 1932 in Genf». Projekt der Schweizerischen Akademie für Geistes- und Sozialwissenschaften. Denk Mal Denken. 24 Mal Denken (blog). Zugegriffen 21. Oktober 2021. https://denk-mal-denken.ch/24-denkmaeler/denkmal/den-opfern-vom-9-november-1932, (vereinfacht und teilweise ergänzt). [ ↑ ]
  2. Degen, Bernard. «Weltwirtschaftskrise». In Historisches Lexikon der Schweiz, 2015. https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/026894/2015-01-11/[ ↑ ]
  3. Tanner, Jakob. Geschichte der Schweiz im 20. Jahrhundert. 1. Auflage. Europäische Geschichte im 20. Jahrhundert. München: Verlag C.H. Beck, 2015, 219ff. [ ↑ ]
  4. Vgl. «Deutungshoheit». In Duden online, zugegriffen 16. Februar 2022, https://www.duden.de/node/32066/revision/32095; Tribelhorn, Marc. «Geschichtsstunde im Stöckli». Neue Zürcher Zeitung, 17. März 2015. https://www.nzz.ch/schweiz/geschichtsstunde-im-stoeckli-1.18504278[ ↑ ]
  5. Vgl. Cerutti, Mauro. «Faschismus». In Historisches Lexikon der Schweiz, 2011. https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/017454/2011-09-22/; Eatwell, Roger. Fascism: a history. London: Chatto & Windus, 1995, xviii/4f. [ ↑ ]
  6. Vgl. Wolf, Walter. «Frontenbewegung». In Historisches Lexikon der Schweiz, 2006. https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/017405/2006-12-01/[ ↑ ]
  7. Vgl. Gautier, Michael. «Georges Oltramare». In Historisches Lexikon der Schweiz, 2010. https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/009213/2010-09-16/[ ↑ ]
  8. Vgl. Cerutti, Mauro. «Léon Nicole». In Historisches Lexikon der Schweiz, 2010. https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/003879/2010-11-09/[ ↑ ]
  9. Vgl. Degen, Bernard. «Sozialismus». In Historisches Lexikon der Schweiz, 2013. https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/017463/2013-01-08/; Toyka-Seid, Christiane, und Gerd Schneider. «Sozialismus». In Grosses Lexikon von Hanisauland. Zugegriffen 3. November 2021. https://www.hanisauland.de/wissen/lexikon/grosses-lexikon/s/sozialismus.html[ ↑ ]
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